Der Eichenprozessionsspinner und seine Schadwirkung

Mit dem Eichenprozessionsspinner und seiner Schadwirkung komme ich jedes Jahr im Frühjahr in Berührung.

Als Gutachterin bzw. Sachverständige für Bäume und FLL-zertifizierte Baumkontrolleurin muss ich sowohl alte Nester ganzjährig, als auch frische, noch bewohnte Nester im Mai und Juni erkennen können und gegebenfalls entfernen lassen, jedoch stets vermerken.

Unter anderem ist es meine Aufgabe, Entscheidungsträger in Gemeinden, Großstädten und Privatbesitzer von Bäumen in Bezug auf den Eichenprozessionsspinner und seine Schadwirkung zu beraten.
Doch ist die Raupe wirklich so gefährlich oder ist das nur Panikmache?

Die Diskussion um den Eichenprozessionsspinner

Jedes Jahr aufs neue lese ich schlecht recherchierte Beiträge in der Tagespresse oder auch vermehrt in den Social Media Netzwerken wie Facebook.
In der überwiegenden Zahl der Fälle, steht ein fachlich unkorrekter Text darunter, der häufig noch nicht einmal die richtige Raupenart nennt, geschweige denn inhaltlich korrekte Angaben zum Sachverhalt aufweist.

Meist wird noch nicht einmal die richtige Baumart erwähnt und sehr häufig wird eine Verwechslung mit dem Kiefernspinner vorgenommen.
Auch das Datum stimmt häufig noch nicht mal ansatzweise mit den Larvenstadien überein, weswegen “Vorkommnisse“ im März und April faktisch nicht möglich sind, da zu dieser Zeit noch garkeine Schadwirkung durch den Eichenprozessionsspinner existiert.

Der Eichenprozessionsspinner (EPS)

Der Thaumetopoea processionea L., so der lateinische Name, ist eine Schmetterlingsart und entwickelt sich in verschiedenen Stadien.
Die einzelnen Stadien der Entwicklung sind:
Das Ei – die Larve – die Puppe – der Schmetterling

Der Falter ist 25 bis 32 mm groß und weist eine eher unscheinbare braune Farbe auf. Nach der Verpaarung legen die Weibchen ihre Eier (bis 300 Stück) in den Eichen ab, wo sie sich im Herbst zu kleinen Eiräupchen entwickeln, jedoch im Ei überwintern.

 

Mit Eintreffen des Frühlings, erwachen die Eiräupchen und beginnen zu schlüpfen. Ihre weitere Entwicklung gliedert sich in sechs Stadien.


Die jungen Raupen fressen zunächst die austreibenden Knospen und sobald sich die Blätter entfalten, beginnt der Lochfraß und die Prozession der vorwiegend nachtaktiven Raupen.


In dieser Phase ist die Raupe auch um den Baum herum anzutreffen und kommt mit fortschreitendem Wachstum in das kritische L3-Stadium. Sie haben eine dunkle, breite Rückenlinie mit samtartig behaarten Feldern und rotbraunen, langbehaarten Warzen. Sie leben gesellig und gehen in Gruppen von 20 bis 30 Individuen im “Gänsemarsch“ auf Nahrungssuche, daher auch ihr Name: Prozessionsspinner.

Gesundheitsgefahren

Mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit hat das Insekt ab dem 3. Larvenstadium.

Ab hier enthalten die Brennhaare auf dem Rücken des Eichenprozessionsspinners das allergieauslösende Gift.

Durch die Berührung mit Blättern oder durch Windbewegungen können die Haare abbrechen und auf den Boden fallen. Mit dem Wind können dann kurze oder weite Strecken (mehrere 100 m) zurückgelegt werden, ehe die Haare auf den Boden treffen oder anderweitig aufgenommen werden können.

Ab hier KANN es potentiell “gefährlich” werden. Sowohl für den Menschen, als auch für den Hund und andere Lebewesen, die mit den Brennhaaren potentiell in Berührung kommen könnten.

Wann und wo ist der Eichenprozessionsspinner anzutreffen?

Je nach Witterung (es sollte längere Zeit trocken und warm gewesen sein) ist die Zeit für das kritische 3. Larvenstadium jedes Jahr unterschiedlich zu datieren und noch speziell nach den Regionen in Deutschland zu unterscheiden.
Im Norden Deutschlands ist er meist später im „gefährlichen“ Stadium, als im Süden, wo er in aller Regel früher soweit ist.
Meist ist der beginnende Sommer (Anfang Mai) ein ungefährer Wert, der sich jedoch im Zuge des Klimawandels immer mehr verschiebt.

Die Verpuppung erfolgt dann schließlich im Laufe des Juni in Nestern am Baum, teils unter alten Nestern wie hier im Bild.

Altes Eichenprozessionsspinnernest, jedoch mit aktiven Brennhaaren
Die Raupe ist ein sogenannter Gesundheits- bzw. Hygieneschädling und ist an allen Eichenarten (Stieleiche, Traubeneiche und Roteiche) in Deutschland zu finden. Im Süden und der Mitte Deutschlands ist sie häufiger vertreten als im Norden. Im Zuge der Klimaerwärmung zeigt das Monitoring jedoch auch eine deutliche Zunahme im Norden Deutschlands.

Überall wo Eichen stehen, ist eine Besiedlung mit dem Eichenprozessionsspinner möglich
.
  • Waldränder
  • Sportplatz
  • Schwimmbad
  • Kinderspielplatz
  • Campinganlagen
  • Parkplätze
  • Grünstreifen/Parkanlagen
  • usw.

Im Stadtgebiet ebenso wie auf dem Land oder im Wald.

Wo am Baum sitzt der Eichenprozessionsspinner

Am Stamm und in den oberen Astgabelungen finden sich Nester, in die sich die Raupen nach dem Fraß zur Verpuppung zurückziehen. Diese Nester bleiben nach dem Flug der Falter am Baum zurück und enthalten auch noch Jahre! nach der eigentlichen Besiedlung mit der Raupe die Allergie auslösenden Brennhaare der Larve.
Eine Gefahr durch alte Nester im unteren Bereich ist also GANZJÄHRIG möglich, auch wenn das Larvenstadium schon überwunden ist und bereits die ungefährlichen Falter aus der Verpuppung hervorgegangen sind.

Ist der Eichenprozessionsspinner gefährlich für den Menschen?

Die allergische Reaktion des Immunsystems kann individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Der Eichenprozessionsspinner kann die Gesundheit des Menschen gering beeinflussen oder aber auch (massiv) bedrohen. ¹Das Gefährdungsspektrum ist durch die  individuelle wirkungsweise im Körper unterschiedlich.

Zu den Symptomen gehören:

  • – lokale Hautausschläge (Raupendermatitis), die sich in punktuellen Hautrötungen, leichten Schwellungen, starkem Juckreiz und Brennen äußern. Oft bilden sich auch Bläschen an den betroffenen Stellen.
  • – Reizungen an Mund und Nasenschleimhaut durch Einatmen der Haare, was zu Husten und Asthma führen kann.
  • – Begleitend können anderweitige Symptome wie Schwindel, Fieber, Müdigkeit und Bindehautentzündung durch Reizung der Augen auftreten.
  • – In seltenen Fällen treten auch allergische Schocks auf.

Die Brennhaare der Raupen enthalten das Eiweiß Thaumetopoein. Die Haare dringen mechanisch in die Haut ein (ähnlich wie bei der Brennessel) und verbreiten so die Substanz auf biochemischem Weg im Körper.
Besonders betroffen sind Hautpartien.
Die Augen stellen aber ebenso eine potentielle Kontaktstelle dar.
Falls die Haare in Form von Nahrung in den Körper gelangen, sind Reizungen/Schwellungen der Zunge und der Speiseröhre möglich.

Wie kann der Mensch in Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner kommen?

  • beim Waldspaziergang
  • beim Aufenthalt unter Eichenbäumen die vom Eichenprozessionsspinner befallen sind (in z.B. Parkanlagen)
  • nach dem Kontakt mit Altnestern
  • …und naturlich beim direkten Kontakt mit der Raupe

Das Bild zeigt ein abgefallenes Altnest, das noch viele aktive Brennhaare enthält.
Auch hier ist Vorsicht geboten!

Was ist bei einem Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner zu tun?

Natürlich sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden, um den möglichen Verdacht oder den Vorfall zu schildern. Alles weitere kann nur die individuelle Reaktion vorgeben.

Die schweren Fälle bei Menschen die mir bekannt sind, oder bei denen ich zugegen war, stellten die Ärzte vor eine große Herausforderung, da die individuelle Reaktion eine ebenso individuelle Behandlungsweise erforderte und die fehlenden Erfahrungen mit dem Schädling eine gezielte Therapie erschwerten.
Cortison war häufig das Mittel der Wahl.

Fazit:

Da mit den potentiellen Gefahren, leichte Panikmache erzeugt werden kann, ist eine sachliche Auseinandersetzung mit der Bevölkerung oftmals schwierig in der Umsetzung. Oft werden die Symptome mit anderen Allergien in Verbindung gebracht werden.
Die Schadwirkung des Eichenprozessionsspinners beim Mensch ist sehr individuell und bei einem potentiellen Kontakt ist der Gang zum Arzt unbedingt erforderlich.

Dennoch ist ein Wissen um die möglichen Gefahren sinnvoll, um einer übertriebenen Panik vorzubeugen und um den Kontakt durch eine breite Informationsbasis zu vermeiden.

 

 

Verweis: ¹Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft

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Lesenswert und fachlich leicht zu verstehen

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